Alltag Mai

Denk nicht, Glück zu haben sei normal. Glück und glücklich sein sind die wunderbaren Ausnahmen.

Normal sind die alltäglichen Mühen. Mit Dankbarkeit tragen sie sich leichter.

Wenn aber das Glück vor dir steht und nicht ganz so aussieht, wie du erwartet hast, sei nicht wählerisch. Nimm es und sei glücklich.

Ein Beitrag zum Projekt von Ulli Gau zum Thema Alltag.
https://cafeweltenall.2018/10/19/alltag-eine-idee/wordpress.com/

Kartoffelküsse

Der Rabe auf dem Sportplatz schnappt sich eine Chipstüte und wirft sie zornig in die Luft. Nichts mehr drin. Aber fünf Schritte weiter liegen salzigscharfe Brosamen – oder eher Chipsamen? – an einem Haufen.

Der Rabe pickt und pickt. Dann krächzt er laut und fliegt in die Wiese. Er schimpft auf die Frau mit Hund, die ihn bei seiner Mahlzeit unterbrochen hat.

Kartoffeln sind gesund, sagen die Menschen. Aber nicht so salzig und nicht frittiert. Sie behaupten auch, dass Salz für Vögel schlecht sei. Wollen sie die Vögel auch noch bevormunden? Reicht es nicht, dass sie einander fortlaufend klar machen, was wem gut tut und was warum nicht?

Raben lassen sich nicht bevor-munden. Sie krächzen ohne Blatt vor dem Mund und fressen was vor den Schnabel fällt und gefällt. Schliesslich ist am Bach Wasser genug, sollte man Durst bekommen.

Der Rabe schwenkt anzüglich seine Schwanzfedern, stolziert um seinen Schatz herum und kontrolliert die Siedlung, ob etwa jemand seinen Reichtum bemerkt habe. Eine andere Rabendame zum Beispiel. Rabendame?

Seine Herzensdame sitzt auf dem Nest und brütet. Zeit, sie abzulösen und Gelegenheit ihr ein Stück Kartoffel als Gruss mitzubringen. Oder als Kuss. Als Kartoffelkuss.

Hoffnung

Bevor der November die Hoffnung auf sonnige Tage endgültig abwürgt, kaufe ich im Supermarkt die letzten Tulpenzwiebeln. Zuhause stecke ich sie in alle Töpfe auf dem Balkon und in die Rabatten ums Haus. Es ist meine letzte Tat vor der Winterdepression.

Dann kommt der Winter. Der Tod. Ich fühle mich wie eine dieser Zwiebeln. Begraben, der Kälte und dem Ungeziefer schutzlos ausgesetzt. Ich schlinge meine alte, erdbraune Strickjacke um mich oder ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. Ausharren.

Was mich am Leben hält, sind die Tulpenzwiebeln. Sie werden sich regen und ausschlagen. Sie werden blühen. Und darauf hoffe ich jeden Winter, dass sich in mir etwas zu regen beginnt.

Es beginnt damit, dass ich nicht mehr friere. Dann verspüre ich unter den Bronchien ein hellgelbes Gefühl, als würde sich zerknülltes Papier entfalten. Bis zum ersten Lächeln kann es noch einen Tag oder zwei dauern. Aber es wird kommen.

In diesen Tagen ist noch nichts zu sehen von den Tulpen. Aber die Hoffnung verdichtet sich zu Gewissheit. Ich werde auferstehen, ich werde einen kurzweiligen Sommer erleben.