Hoffnung

Bevor der November die Hoffnung auf sonnige Tage endgültig abwürgt, kaufe ich im Supermarkt die letzten Tulpenzwiebeln. Zuhause stecke ich sie in alle Töpfe auf dem Balkon und in die Rabatten ums Haus. Es ist meine letzte Tat vor der Winterdepression.

Dann kommt der Winter. Der Tod. Ich fühle mich wie eine dieser Zwiebeln. Begraben, der Kälte und dem Ungeziefer schutzlos ausgesetzt. Ich schlinge meine alte, erdbraune Strickjacke um mich oder ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. Ausharren.

Was mich am Leben hält, sind die Tulpenzwiebeln. Sie werden sich regen und ausschlagen. Sie werden blühen. Und darauf hoffe ich jeden Winter, dass sich in mir etwas zu regen beginnt.

Es beginnt damit, dass ich nicht mehr friere. Dann verspüre ich unter den Bronchien ein hellgelbes Gefühl, als würde sich zerknülltes Papier entfalten. Bis zum ersten Lächeln kann es noch einen Tag oder zwei dauern. Aber es wird kommen.

In diesen Tagen ist noch nichts zu sehen von den Tulpen. Aber die Hoffnung verdichtet sich zu Gewissheit. Ich werde auferstehen, ich werde einen kurzweiligen Sommer erleben.

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Das Nichtwort
lastet schwer
auf dem Gemüt.

O fände ich Namen
für das Unsagbare.
Schwerefrei flöge meine Seele.

Befiedere meine Gedanken,
du Geist des Wortes.

der impuls für text 6 der #frapalywo lautet: „wählt aus den folgenden wörtern von hilde domin eines oder mehrere aus und greift es in eurem text auf: fischherzig, das nichtwort, traumvolk, klimawechsler, schwerefrei, befiedern, heimwehgefiedert“. alle wörter stammen aus unterschiedlichen gedichten von hilde domin.

Miesepeter

Morgen früh wird es erst regnen
Nachher gibt es Sonnenschein.
Warmer Wind bläst und entgegen,
gut wird unsre Laune sein.
– Vielleicht auch nicht.

Morgen werd ich besser wissen,
wie ich mich entscheiden soll.
Steckt doch Weisheit tief im Kissen,
schlafend werd ich ihrer voll.
– Vielleicht auch nicht.

Und der Mut? Wird er durch Jahre
nicht auch kräftiger statt schwach?
Lächeln werde ich in alten
Tagen über Ungemach
-Vielleicht auch nicht.

der impuls für text 7 der #frapalywo rundet die woche ab und schließt den kreis zum ersten impuls, bei dem wir die gleiche anfangszeile hatten.

er lautet: gleiche schlusszeile für alle: „vielleicht auch nicht“ – die zeile stammt aus dem gedicht „windgriff“ von hans magnus enzensberger.

Wieder unterwegs

Wege
Wege gehen
Wege gehen, wie damals,
als die Füsse noch wussten
und die Beine noch Kraft hatten.

Vertraute Wege wieder gehen,
vorbei an Sträuchern und Bäumen,
vorbei an meinem Schatten von damals,
als die Füsse noch wussten.

Wieder auf dem Weg.
Immerhin.
Unterwegs auf dem Weg,
auf dem Wiederweg,
auf den Wiederundwiederweg.

Immer wieder und wieder neu
Schritte wagen,
zagen und dennoch Wege wagen.
Wohin.
Dorthin,
wo die Knie sich verweigern,
die Füsse hadern mit dem Grund.
Wo alle Wege enden.
Dorthin,
wo das unbekannte grosse Land
sich öffnet, wo
neue Wege vor dir liegen,
wo die Füsse jauchzen und die Knie Tanzen.
Dort, am Ende der Wege.

@FrauPaulchen@twitter.com: der impuls für text 2 lautet: „im wiederweg“ – nutzt dieses bild von alfred kolleritsch aus seinem gedicht “Landschaft“ und bettet es in euren eigenen text ein.

Ballast

„Heute Nacht bin ich unten beim Ballast“.
Unten beim – nur kurz unten beim
Ballast,
und plötzlich unten
unter dem Ballast.

Unter Haufen und Häufchen
loser Gewichte, Ballast,
gewichtlose Ballen von Last.
Lasst Last los!
Lasst Luft und Atem.

Unter wichtigem Ballast
lasst mich von unten
atmen nach oben.
Lost die Last lose
und freie Haufen los.
Lost frei von unten nach oben
Ball und Last und Luft.
Blast mich los
und frei.
Oben an der Luft
frei atmen heute Morgen.
Frei und leicht.

Es ist wieder #frapalywo , 7 tage, 7 texte, 1 thema.

Das Thema der siebten Lyrikwoche von Frau Paulchen sind eigene Worte mit den worten anderer, den Worten anderer mit den eigenen Worten, geborgte Worte.

Der Impuls von heute heisst „heute nacht bin ich unten beim ballast“ aus „Nachtdienst“ von Thomas Tranströmer.

Fenster auf

Fenster auf
die Türen auch

Kalter Wind fegt
Haus und Atem klar

Glockengeläut ruft Hoffnung
auf ein gnädiges Jahr

Möge das Licht immer wieder
die Nächte vertreiben

Mögen wir beide,
du, meine Zeit und ich,
einander freundlich gesinnt bleiben.

Raunacht 12
5. Januar
Zum Licht erwachen