Hoffnung

Bevor der November die Hoffnung auf sonnige Tage endgültig abwürgt, kaufe ich im Supermarkt die letzten Tulpenzwiebeln. Zuhause stecke ich sie in alle Töpfe auf dem Balkon und in die Rabatten ums Haus. Es ist meine letzte Tat vor der Winterdepression.

Dann kommt der Winter. Der Tod. Ich fühle mich wie eine dieser Zwiebeln. Begraben, der Kälte und dem Ungeziefer schutzlos ausgesetzt. Ich schlinge meine alte, erdbraune Strickjacke um mich oder ziehe mir die Bettdecke über den Kopf. Ausharren.

Was mich am Leben hält, sind die Tulpenzwiebeln. Sie werden sich regen und ausschlagen. Sie werden blühen. Und darauf hoffe ich jeden Winter, dass sich in mir etwas zu regen beginnt.

Es beginnt damit, dass ich nicht mehr friere. Dann verspüre ich unter den Bronchien ein hellgelbes Gefühl, als würde sich zerknülltes Papier entfalten. Bis zum ersten Lächeln kann es noch einen Tag oder zwei dauern. Aber es wird kommen.

In diesen Tagen ist noch nichts zu sehen von den Tulpen. Aber die Hoffnung verdichtet sich zu Gewissheit. Ich werde auferstehen, ich werde einen kurzweiligen Sommer erleben.

Ballast

„Heute Nacht bin ich unten beim Ballast“.
Unten beim – nur kurz unten beim
Ballast,
und plötzlich unten
unter dem Ballast.

Unter Haufen und Häufchen
loser Gewichte, Ballast,
gewichtlose Ballen von Last.
Lasst Last los!
Lasst Luft und Atem.

Unter wichtigem Ballast
lasst mich von unten
atmen nach oben.
Lost die Last lose
und freie Haufen los.
Lost frei von unten nach oben
Ball und Last und Luft.
Blast mich los
und frei.
Oben an der Luft
frei atmen heute Morgen.
Frei und leicht.

Es ist wieder #frapalywo , 7 tage, 7 texte, 1 thema.

Das Thema der siebten Lyrikwoche von Frau Paulchen sind eigene Worte mit den worten anderer, den Worten anderer mit den eigenen Worten, geborgte Worte.

Der Impuls von heute heisst „heute nacht bin ich unten beim ballast“ aus „Nachtdienst“ von Thomas Tranströmer.

Alltag – Januar

Nach der Knieoperation fühle ich mich dem Alltag fern. Zwar werde ich morgen mit der Arbeit beginnen, aber selbst gehen kann ich noch nicht richtig alltäglich.

Alltäglich geblieben ist der erste Blick aus dem Ostfenster.

Die Krähen in der Kiefer
begrüssen die Krähen hinter dem Haus.

Elstern mischen sich schimpfend ein.

Der Himmel, noch dunkel,
lässt das Wetter nur ahnen.

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Ein Beitrag zum Projekt von Ulli Gau zum Thema Alltag.
https://cafeweltenall.wordpress.com/2018/10/19/alltag-eine-idee/

Fenster auf

Fenster auf
die Türen auch

Kalter Wind fegt
Haus und Atem klar

Glockengeläut ruft Hoffnung
auf ein gnädiges Jahr

Möge das Licht immer wieder
die Nächte vertreiben

Mögen wir beide,
du, meine Zeit und ich,
einander freundlich gesinnt bleiben.

Raunacht 12
5. Januar
Zum Licht erwachen